Ich konnte die Hausaufgaben nicht machen. Mich hat ein Hase abgelenkt.

Kathi sitzt vor offenen Büchern am Schreibtisch und beobachtet das Glas Sprudelwasser, das vor ihr steht. Sie hat das Glas dreckig aus dem Geschirrspüler gezogen; es hat einen Orangensaftrand. Kathi seufzt und schaut auf ihre linke Hand. Sabrina, ihre zweitbeste Freundin aus dem Englischkurs, hat ihr heute in der vierten Stunde, kurz vor dem Raumwechsel, einen Hasen mit der blauen Spitze ihres Tintenkillers auf die Handinnenfläche gezeichnet. Dem Häschen fehlt das Näschen, fällt Kathi sofort auf; fiel Kathi auch in der vierten Stunde, kurz vor dem Raumwechsel, sofort auf, aber Sabrina meinte: „Aha… Da liegt der Hase begraben!“ Welcher Hase?, fragt sich Kathi jetzt, während sie die verblassten Umrisse nachfährt, und wer hat den Hasen begraben? Musste er an Ostern arbeiten? Hatte er Probleme mit seinem sexualisierten Image? Hat es ihn gestört, mit einem Kaninchen verwechselt zu werden? Penelopes Kaninchen ist letzte Woche gestorben, es war Samstag und Kathis Mutter hatte einen Hefezopf gebacken und später den Ofen gereinigt. Die Wohnung rieche so schön frisch, lispelte Hainz, ihr Stiefvater, beim Abendessen. Wenn Kathi sich ablenken möchte, reimt sie mit seinem Namen. Hainz aus Mainz isst Pizza in Nizza neben Gerd am Herd. Gerd ist Hainz` Arbeitskollege, jeden Dienstag und Donnerstag golfen sie zusammen. Gerd gebe der Garderobenfrau im Country Club immer Trinkgeld, erzählte Hainz beeindruckt und reichte Kathi den gelben Teller mit Zucchiniplätzchen. Kathi will wissen, wie sich eine Garderobenfrau fühlt, die im Hochsommer vergeblich auf abzugebende Jacken wartet. Zumindest muss ihre Mutter nicht länger auf jemanden wie Hainz warten; vor seiner Zeit hat sie den Ofen täglich gereinigt, vielleicht fällt Kathi deshalb der Geruch des stinkenden Putzmittels nicht mehr auf, der in alle Sitzbezüge, Teppiche und Gardinen eingezogen ist. Sie erinnert sich daran, wie sie vor Jahren aus der Schule kam und ihre Mutter am Ofen schrubben hörte. Im Fernsehen lief eine Dokumentarsendung. Kathi betrat die Küche, nahm ein Glas aus dem Geschirrspüler, ihre Mutter richtete sich auf, der Schweiß sammelte sich in Perlen über ihrer Oberlippe, sie sagte: „Kathi, wusstest du, dass der Mona Lisa die Schneidezähne fehlen?“, lachte freudlos und schrubbte weiter. Ihre Mutter hatte vier Semester katholische Theologie studiert und dann Kathis Vater geheiratet. Zu ihrem Vierzigsten schrieb er Kathis Mutter: „Woran merkst du, dass Moses kein Pfadfinder gewesen ist? Er hat 40 Jahre gebraucht, um die Wüste zu durchqueren. Glückwunsch“. Er stellte seine leeren Bierflaschen in den Ofen, sodass dieser nach Alkohol stank. Kathi glaubt, ihr Vater hätte ihre Mutter verrückt werden lassen und Hainz bekräftigt sie in dieser Annahme. Wenn sie ausgehen, kommt Hainz jedes Mal vor Abfahrt in Kathis Zimmer rein und tauscht das dreckige Glas durch ein sauberes aus, ein Glas Orangensaft, frisch aus dem Kühlschrank; alles im Kühlschrank ist frisch, seit Hainz da ist, Hainz ist ein Schatz, sagt Mama. Hainz hat eine Schwester, die als Kind ein Kaninchen besaß, wie Penelope, es hieß Schatz, das Kaninchen von Hainz` kleiner Schwester, und erlitt an einem sonnigen Novembervormittag einen Herzinfarkt. Wie es wohl Penelopes Kaninchen geht?, überlegt Kathi, ob es mit Schatz spielt? Im Himmel bekommt bestimmt jeder ein Kaninchen zur Begrüßung geschenkt; es gibt einen Kaninchenausstatter und den „Kaninchenreport“, und sie veranstalten dann Kaninchenrennen, und alle hoffen, dass Kaninchen Abel es vor Kaninchen Kain ins Ziel schafft, doch Kaninchen Kain kämpft mit unfairen Mitteln –

Ludwigshafen, Juni 2022

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Die attraktivste Kerze auf der Torte

    „Woran merkst du, dass Moses kein Pfadfinder gewesen ist? Er hat 40 Jahre gebraucht, um die Wüste zu durchqueren“. – Allegra, ich sterbe hier gerade vor lachen. Fast so gut wie „Hatte Jesus eine Frau?“ „Nein?“ „Naja, Pech in der Liebe, Glück im Beruf.“

  2. Andrea

    Es ist bewundernswert, wenn Stress in so etwas Charmantes und Einfallsreiches umgewandelt werden kann. 🎀

  3. Tamara

    Danke 💓 Ich muss noch mal die Geschichte mit Kaninchen lesen… ❣️

  4. Allegra Bosch

    „Ein irrer Blindflug“, sagt mein Papa. Sage ich auch. Und der Mona Lisa fehlen nicht die Eckzähne, sondern die Schneidezähne…

Schreibe einen Kommentar